Was ist Raja Yoga?

Yogalehrer ABI,1 atha yoga-anusanam.

Nun beginnt die Darlegung der Kunst des Yoga.

I,2 Yogas citta-vritti-nirodhaha.

Yoga ist das Aufhören aller Bewegungen des Geistes.

Yoga-Sutras des Patanjali aus Iyengar (1995)

 

Raja heißt übersetzt „König“. Raja-Yoga ist der königliche Yoga, denn der König hat alles unter seiner Kontrolle, sowohl seinen Geist und als auch seine Gedanken (Pflug, 2004), wie es in den Yoga-Sutras des Patanjali steht. Um citta-vritti, die Gedanken oder Bewegungen des Geistes, zur Ruhe zu bringen, verweist Patanjali auf die acht Stufen (ashtanga) (Swami Vishnu-Devananda, 2008).

(1)   Yama – Schulung der Moral und Ethik im Umgang mit der Umwelt.

(2)   Niyama – Elemente der Selbstbeherrschung und anzustrebende Werte.

(3)   Asana – Körperstellungen zur Stärkung des Körpers.

(4)   Pranayama – Atemkontrolle zur Lenkung der Lebensenergie.

(5)   Pratyahara – Sinnesrückzug nach Innen.

(6)   Dharana – Konzentration.

(7)   Dhyana – Meditation.

(8)   Samadhi – Ekstase.

Die moralische Disziplin (Yama) ist das erste Glied von Patanjalis Yoga und sie umfasst fünf wichtige Verpflichtungen (Feuerstein, 2010). Dazu zählt Ahimsa, der Wille zu einer absoluten gewaltlosen und andere nicht verletzende Lebensführung (Pflug, 2004). Dazu zählt auch eine Gewaltlosigkeit im Denken (Feuerstein, 2010). Satya ist die zweite wichtige Verpflichtung, nämlich die, zur Wahrhaftigkeit und das Loslösen vom Lügen. Das dritte Yama ist Asteya, das Gebot nicht zu stehlen. An vierter Stelle folgt Brahmacarya, die Zügelung der Sexualität. Das letzte der fünf Yamas ist Aparigraha, die Begierdelosigkeit oder auch das Fehlen von Habsucht (Pflug, 2004). Ferner wird Aparigraha auch als das Nichtannehmen von Geschenken bezeichnet, das in der Regel Anhaftung und Verlustangst hervorbringen kann. Deshalb soll der Yogi in freiwilliger Einfachheit leben und nicht zu viel besitzen (Feuerstein, 2010). Ein Yogi, der nach den Yamas lebt, handelt nach diesen nicht so, als seinen sie ihm von außen auferlegt worden. Seine Motivation nach ihnen zu handeln kommt aus seinem Inneren, denn er braucht diese zur Erreichung des Ziels von Yoga (Pflug, 2004).

In späteren Yoga-Texten finden sich noch weitere Moralvorschriften: Daya, das Mitgefühl und die aktive Liebe für alles und jeden, Arjava, die Aufrichtigkeit und moralische Integrität, Kshama, Geduld und die Fähigkeit zu einem Bewusstseinszustand, in dem man die Dinge einfach geschehen lässt. Zusätzlich werden noch Dhriti, die Beständigkeit in den eigenen Prinzipien und Mitahara, eine karg bis einfache Ernährung als Unterkategorie von Asteya, da ein zu viel Essen ein Raub an der Natur darstellt (Feuerstein, 2010).

Als zweites Glied des Yoga nach Patanjali folgt Niyama. Die Beachtung der Niyamas hat den Zweck, die Psyche des Yogis zu reinigen, ihn mit Werten auszustatten, die er anstreben soll und ihn so Selbstbeherrschung zu ermöglichen (Pflug, 2004; Feuerstein, 2010). Das erste der Niyamas ist Saucha, die Reinheit. Gemeint ist sowohl eine innere, geistige als auch eine äußere Reinheit. Zweitere ereicht der Yogi durch tägliche Reinigungstechniken, Baden und durch eine richtige Ernährung. Innere und geistige Reinheit erlangt er durch Konzentration und Meditation (Feuerstein, 2010). Samtosha ist die zweite der Niyamas und wird als heitere Zufriedenheit bezeichnet und wird durch die Meditation über Dinge, die man bereits besitzt, vertieft (Pflug, 2004). Zufriedenheit ist als Ausdruck der Entsagung zu verstehen und geht mit einer positiven Gleichgültigkeit einher. Als Drittes folgt Tapas, die Askese und umfasst Praktiken „wie langes, unbewegliches Stehen oder Sitzen, Ertragen von Hunger, Durst, Kälte, Hitze, oder Schweigen und Fasten.“ (Feuerstein, 2010). Der vierte Bestandteil ist Svadhyaya, das Studium von Schriften, das zum Erreichen des Ziels von Yoga dient. Der Yogi kann durch das Lesen der Schriften nach und nach die Essenz des Yoga in sein Denken und Handeln und schließlich in sein Bewusstsein integrieren. Als letztes sei Isvarapranidhana zu nennen, die Hingabe allen Tuns an Gott (Pflug, 2004).

Als drittes Glied zählt Patanjali nun die Asanas oder Körperstellungen auf. Ihm zufolge sollen diese Stellungen bequem und stabil sein und dem Yogi so ermöglichen, dass er innerlich ruhig wird. Einige spezielle Stellungen, so genannte Mudras (Siegel), wirken sofort auf die Stimmung des Yogis, da sie auf dessen endokrines System seines Körpers wirken (Feuerstein, 2010).

Pranayama, die Lenkung der Lebensenergie (Prana), findet sich auf der vierten Stufe. Zwischen dieser Lebensenergie, dem Atem und dem Verstand besteht eine enge Verbindung. Durch die Regulierung des Atems und in einem konzentrierten Zustand, kann das Prana des „Körper-Verstand-Systems“ stimuliert und ausgerichtet werden (Feuerstein, 2010). Das Prana ist in allem was lebt, es ist weder Bewusstsein noch Seele, sondern eine Form an Energie, derer sich die Seele in der materiellen Verkörperung bedient. Somit dient das Pranayama der Beruhigung des Geistes und durch die Kontrolle des Geistes lässt sich wiederum das Prana lenken (Swami Vishnu-Devananda, 2008).

Der Sinnesrückzug (Pratyahara) wird in den Yoga-Sutras wie folgt definiert: „Die Sinne von den äußeren Gegenständen abzuziehen und sie nach innen auf das Eigenwesen des Bewusstseins zu richten.“. Durch die Kontrolle des inneren und äußeren Sinns wird das Bewusstsein des Yogi auf seinen Ursprung, die göttliche Seele gerichtet (Iyengar, 1995).

Die sechste Stufe nennt sich Dharana (Konzentration) und beschreibt die Aufmerksamkeit auf einen speziellen Bereich des Körpers oder auf ein äußeres Objekt, wie zum Beispiel das Bildnis einer Gottheit. Die Konzentration ist für den Yogi dabei eine ganzkörperliche Erfahrung (Feuerstein, 2010). Zunehmend tiefe Konzentration führt schließlich in die Meditation (Dhyana), der siebten Stufe des Patanjali-Yogas. Es ist die durch nicht unterbrochene Versenkung in ein Objekt und es existieren keine weiteren Gedanken. In diesem Zustand herrscht eine Klarheit der Wahrnehmung und der Zustand kann bis in Samadhi (Ekstase) münden. Samadhi ist ein intensiver Bewusstseinszustand, bei dem der Meditierende, der Prozess der Meditation und das Meditationsobjekt Eins werden. Das Ziel des Yoga ist an dieser Stelle erreicht (Pflug, 2004). Man kann die Konzentration, die Meditation und die Ekstase wie Phasen eines Prozesses auffassen, der mentale Konstrukte beseitigt und darüber hinaus als einen Prozess der Vereinigung (Feuerstein, 2010).

 

Literatur:

Feuerstein, G. (2010). Die Yoga-Tradition. Geschichte, Literatur, Philosophie & Praxis. Wiggensbach, Yoga Verlag GmbH.

Iyengar, B. K. S. (1995). Der Urquell des Yoga. Die Yoga-Sutras des Patanjali – erschlossen für den Menschen von heute. Bern: Otto Wilhelm Barth Verlag.

Pflug, G. (2004). Das Yoga Lehrbuch. Theorie und Praxis nach der ältesten Yoga-Schule der Welt. Darmstadt, Schirner Verlag.

Swami Vishnu-Devananda (2008). Das große illustrierte Yogabuch. Bielefeld, Aurum Verlag in J. Kampenhausen Verlag & Distribution GmbH.

 

 

0